Bürgerinitiative: "No Fracking" im Erdgasfeld Völkersen

Stoppt Fracking!

Kein Fracking, auch nicht in der konventionellen Erdgasförderung!

Beweislastumkehr

In Schadensfällen muss eine Beweislastumkehr zugunsten der Geschädigten verfügt werden.

Keine Verpressung von Lagerstättenwasser!

Dezentrales Reinigen des Lagerstättenwassers an den jeweiligen Erdgasförderstellen.

Kein abfackeln!

Nutzung von geschlossenen Systenen, bei denen Schadstoffe gefiltert werden können.

Abfackeln:

Die große Gasverschwendung in Afrika

Das Abfackeln von Erdgas ist in Nigeria verboten. Dennoch verbrennen es die Ölförderer - mit verheerenden Folgen.

von Johannes Dieterich, Uzere

Abfackeln Snack-Produktion im Lichtschein der Gaslackel : Dorfbewohner von Uzere nutzen die Abwärme der Abfackelungs- anlagen von Afrikas größtem Erdölfördergeblet im Zentrum des Niger-Delta, um Cassava-Flocken zu rösten

Selbst in finsterster Nacht findet Helen Ikri mühelos den Weg zu ihrem Arbeitsplatz. Sie geht nur dem weithin sichtbaren Schein der Flammen und dem Fauchen des austretenden Gases nach. An dem Zaun um die Anlage schließt ein Wärter der 35-Jährigen wortlos ein Gittertor auf. Vorbei geht es an Schildern, die das Trocknen von Cassava, Pepperoni oder Kleidern verbieten, zu einem Fußballfeld großen Areal, das wie das Set für einen Apokalypse-Film wirkt: Zwei waagerecht gezogene Rohrleitungen speien mehrere Meter lange Flammen aus, in deren Schein die Schatten von Gestalten wahrzunehmen sind: "Hier arbeite ich", sagt Helen: "Jeden Tag von frühmorgens bis abends."

AbfackelnDie trockene Raspetei aus der Maniokwurzel ist in Nigeria eine beliebte Leckerei

AbfackelnLänder mit den größten verbrannten Erdgasmengen bei der Erdölproduktion

    

Stolz bietet die fünffache Mutter eine Geschmacksprobe ihrer Produktion an: Geröstete Cassava-Flocken, Popo Gari genannt, die wie fade getrocknete Kokosflocken schmecken. Die Cassava-Wurzeln werden geraspelt und auf Strohmatten in gebührendem Abstand zu den Flammen auf dem Boden mehrere Stunden getrocknet. 20 Matten schafft Helen am Tag, seit ihrem zehnten Lebensjahr. Ihre Mutter brachte ihr das Trocknen des beliebten Snacks bei, jetzt gibt sie die Kunst an ihre 13-jährige Tochter weiter.

Uzere im Zentrum des Nigerdeltas in Nigeria: Eine von Hunderten Anlagen zur Abfackelung von Erdgas, die Afrikas größtes Erdölfördergebiet wie Laternen einen Märchenpark erleuchten - die Flammen sind selbst auf Satellitenbildern zu sehen. Die Dorfbewohner haben gelernt, die Anlage zu ihrem zweifelhaften Vorteil zu nutzen.

Die Verbrennung des Erdgases kann Ärzten zufolge 250 verschiedene Gifte freisetzen, die Krebs, Asthma, chronische Bronchitis und Blutveränderungen hervorrufen können. Helen erzählt von gelegentlichen Kopfschmerzen und einem Stechen in der Brust. Medizinische Erhebungen zu den Gesundheitsfolgen des verbrannten Gases gibt es nicht. Bekannt ist hingegen, dass die Lebenserwartung der Delta-Bevölkerung mit 41 Jahren sieben Jahre kürzer ist als die in anderen Landesteilen.

Betrieben wird die Anlage von der Mineralölgesellschaft Shell. Dem Konzern wird schon vorgeworfen, mit dem bei der Produktion regelmäßig austretenden Rohöl weite Teile des Deltas zerstört zu haben: Die Säuberung des Gebiets von der Größe Englands würde laut Uno 1 Mrd. Dollar kosten und 30 Jahre dauern. Dem größten

ausländischen Ölproduzenten in Nigeria wird ein gehöriges Maß der Mitschuld für das Umweltdesaster zugeschrieben, zu dem - selbst wenn Helen Ikri davon lebt - auch das Abfackeln des Gases gehört.

Denn die jahraus, jahrein lodernden Flammen setzen nicht nur Gifte in der unmittelbaren Umgebung frei: Sie sorgen auch für sauren Regen, der Böden unfruchtbar macht und Löcher in die Blechdachhäuser frisst, und gelten als die größte Quelle von Treibhausgasen südlich der Sahara. Nigeria ist der zweitgrößte Gasabfackler der Welt: Jährlich werden rund 20 Milliarden Kubikmeter nutzlos verbrannt. Es entstehen fast 50 Millionen Tonnen Kohlenwasserstoffe - soviel wie die Abgase von 30 Millionen Autos.

2,5 Mrd. Dollar verpuffen Jährlich - allein In Nigeria

Bereits 1969 forderte das damalige Militärregime die Ölmultis auf, die Abfackelei zu stoppen. Doch sie scherten sich nicht darum. Zehn Jahre später ordnete die Regierung ein Ende bis 1984 an. auch diese Frist verstrich. Bußgelder der Verwaltung blieben so gering, dass die Ölproduzenten lieber zahlten, als teure Technologie zur Nutzung des Erdgases einzuführen. 2007 sagte Shell zu, die Praxis binnen zweier Jahre einzustellen.

Aber 2010 verbrannten sogar 30 Prozent mehr Gas als im Vorjahr. "Sie halten daran allein zur Maximierung ihrer schwindelerregend hohen Profite fest", schimpft der Umweltaktivist und alternative Nobelpreisträger Nnimmo Bassey: "Die Welt sollte von Shell ein Ende des Wahnsinns fordern."

Widersinnig ist die Abfackelei auch aus ökonomischer Sicht. Nigeria hat die jährlich im Wert von 2,5 Mrd. Dollar verpuffte Energie selbst dringend nötig: Obwohl das Land Afrikas größter Ölexporteur ist, leiden Wirtschaft und Privathaushalte unter chronischer Energieknappheit. Nur 40 Prozent der Haushalte sind ans Stromnetz angeschlossen, der staatliche Stromversorger kann nur einen Bruchteil des benötigten Bedarfs liefern. Die ständigen Stromausfälle kosten Nigeria mehrere Prozentpunkte Wachstum im Jahr. Will Präsident Goodluck Jonathan sein Ziel erreichen, das Stromangebot bis 2013 zu verdreifachen, braucht er auch das bisherige Abfallprodukt.

Nigeria werden 5,25 Billionen Kubikmeter Gasreserven - die siebtgrößten der Welt - zugesprochen. Diesen Schatz wirtschaftlich zu nutzen, sollte auch die vor drei Jahren mit Deutschland geschlossene Energiepartnerschaft helfen - bislang ohne Erfolg. Die Partnerschaft sei "in den vergangenen Jahren etwas vernachlässigt worden", klagte Bundeskanzlerin Angela Merket im Juni in Abuja. Zumindest für Helen Ikri ist das eine gute Nachricht: Sie wird noch so manche Matte Popo Gari trocknen und verkaufen können - welche Folgen das auch immer für ihre Gesundheit und die ihrer Kunden haben wird.


FTD.de, 07.09.2011
© 2011 Financial Times Deutschland
Vienen Dank an Hr. Dieterich, der es uns freundlicher weise erlaubt hat, diesen Artikel hier einzustellen.

Wichtig!

Schlichtungsstelle

Die niedersächsische Schlichtungsstelle Bergschaden mit Sitz in Rotenburg/Wümme ist im Amt.

Anmerkungen und Kritik zur Studie

Nachhaltiger Umgang mit Lagerstättenwasser aus der Erdgasförderung der RWE Dea AG in Niedersachsen

Gerd Landzettel – im August 2014

Eine Geschichte darüber, wie meine Vorstellung vom „sauberen Energieträger Erdgas“ von der Realität eingeholt wurde.

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