Bürgerinitiative: "No Fracking" im Erdgasfeld Völkersen

Stoppt Fracking!

Kein Fracking, auch nicht in der konventionellen Erdgasförderung!

Beweislastumkehr

In Schadensfällen muss eine Beweislastumkehr zugunsten der Geschädigten verfügt werden.

Keine Verpressung von Lagerstättenwasser!

Dezentrales Reinigen des Lagerstättenwassers an den jeweiligen Erdgasförderstellen.

Kein abfackeln!

Nutzung von geschlossenen Systenen, bei denen Schadstoffe gefiltert werden können.

Schmutziges Gas

Der Landkreis Verden bei Bremen liegt im größten Erdgasfördergebiet Deutschlands. Giftige Abwässer, die bei den Bohrungen anfallen, verseuchen Äcker und belasten das Grundwasser. Ausgerechnet in einem Trinkwasserschutzgebiet wird die mit dem krebserregenden Stoff Benzol kontaminierte Brühe in die Erde gepumpt. Die Anwohner sorgen sich um ihre Gesundheit

von Kurt Stukenberg und Samuel Zuder (Fotos)

An einem warmen Vormittag im März stapft Renate Köther über ihr Feld nahe der Ortschaft Völkersen unweit von Bremen. Ihre Schritte hinterlassen kleine Mulden, die sich blitzschnell mit Wasser füllen und in den satten Strahlen der Sonne glitzern. Rechts und links ist der 13 Hektar große Grund von Birken umsäumt. Scheu flüchten sich drei Rehe in eine nahe Baumgruppe. „Die Idylle trügt“, sagt die 51-Jährige und bleibt an einem kleinen Loch stehen, das mit einem rosa getünchten Holzpflock markiert ist. „Hier wurde vor wenigen Wochen eine Wasserprobe entnommen, sie war mit zwölf Mikrogramm Benzol pro Liter belastet.“ Der Grenzwert für Trinkwasser liegt bei einem Mikrogramm.

Das Gift stammt aus einer Abwasserleitung, die in etwa anderthalb Metern Tiefe unter Renate Köthers Feld verläuft. Durch sie fließt sogenanntes Lagerstättenwasser, das bei Erdgasbohrungen anfällt. Ein Gemisch aus Wasser, Salzen und dem hochgiftigen und krebserregenden Stoff Benzol, das zusammen mit dem Gas aus bis zu 5000 Metern Tiefe an die Oberfläche befördert wird. Der Landkreis Verden, in dem Renate Köther lebt, liegt im größten Gasfördergebiet Deutschlands. Allein im Erdgasfeld Völkersen, das seit 1992 vom Energiekonzern RWE Dea betrieben wird, werden pro Jahr gut zwei Milliarden Kubikmeter gefördert – genug für rund 660.000 Haushalte. Insgesamt kann die Bundesrepublik etwa zwölf Prozent des Erdgasverbrauchs aus eigenen Quellen decken.

An jeder einzelnen Bohrstation fällt das giftige Lagerstättenwasser an, das bisher über ein Leitungsnetz gepumpt und an anderer Stelle wieder in die Erde gepresst wurde. Als vor etwa vier Monaten Benzol im Grundwasser entdeckt wurde, hat das Unternehmen die Rohre vorsorglich außer Betrieb genommen. Der Transport erfolgt jetzt per Tankwagen. Wie lange die giftigen Stoffe schon austreten, kann niemand sagen, auch RWE nicht. Was da genau unter ihren Häusern, Gärten, Brunnen und Feldernverläuft, wussten viele Bewohner, auch Renate Köther, bisher nicht. Nur ein Liter des Gemischs enthält genug Benzol, um mehr als 450.000 Liter Trinkwasser zu verseuchen.

Viele Bewohner des Landkreises Verden sind nun beunruhigt und machen sich Sorgen um ihre Gesundheit. In der Region beobachten die Menschen seit Jahren auffallend viele Krebsfälle – in manchen der umliegenden Dörfer tritt die Krankheit in jeder dritten Familie auf. Auch in Völkersen sind die Bürger alarmiert. Die Dorfstraße führt an Äckern vorbei, auf denen die Bauern schon bald wieder Mais anbauen werden. Dann macht sie bei „ Ebelings Backstube“ einen Knick und gibt den Blick frei auf ausgedehnte Grünlandflächen, auf denen Gras sprießt, das später an die Milchkühe in der Umgebung verfüttert wird. In einem der für den Ort typischen roten Backsteinhäuschen wohnt Familie Vogel. Im Hinterhof steht ein kleiner Heuschober, auf einer Koppel daneben traben Pferde – das Markenzeichen des Landkreises. An einem Adventssonntag im Dezember 2011 hat Thomas Vogel zusammen mit seiner Frau und einem Nachbarn bei Glühwein und Gebäck eine Bürgerinitiative gegründet.

     GPMGPMAuf einmal standen Messtrupps mit schwerem Gerät auf Renate Köthers Feld: Es ist mit krebserregenden Substanzen aus der Erdgasförderung belastet. Andreas Noltemeyer, Thomas und Inge Vogel fordern mit ihrer Bürgerinitiative Aufklärung vom Betreiber RWE und den BehördenGPM

GPM
Der Energieriese RWE Dea fördert in Niedersachsen an 29Stellen Gas. Die Menge reicht für rund 660.000 Haushalte im Jahr. Doch aus den 5000 Meter tiefen Löchern strömt krebserregendes Abwasser      GPM
    

„Es gab inzwischen ein paar Veranstaltungen, auf denen das Landesamt für Bergbau und RWE Antworten liefern wollten“, sagt Thomas Vogel. „Die waren aber enttäuschend, denn das meiste blieb unklar.“ Mit ihrer Bürgerinitiative, der inzwischen mehr als 150 Menschen angehören, wollen sie Licht ins Dunkel bringen. Sie wollen wissen, ob sie noch Wasser aus dem Hahn trinken können und ob das Vieh das Gras noch fressen darf. Vor allem aber: Wie kann es sein, dass der Energieriese RWE Gas fördert und dabei unbemerkt giftige Abfallprodukte ins Grundwasser fließen?

„Heute morgen war der Schornsteinfeger bei mir“, erzählt Thomas Vogel. „Er hat gründlich geprüft, ob wir auch alle Abgasgrenzwerte einhalten – gleichzeitig sickert aus den RWE-Leitungen Gift ins Wasser und keiner merkt’s“, empört sich der 53-Jährige. Was im Vorfeld versäumt wurde, versuchen die Verantwortlichen nun eilig nachzuholen. Im Bereich des ganzen Leitungsnetzes sind täglich bis zu vier Messteams im Auftrag von RWE unterwegs, um die Benzolbelastungen zu untersuchen. Die Ergebnisse werden ins Internet gestellt.

Hanno Paetsch, der leitende Sachverständige, steht auf einem durchnässten Acker direkt neben der

örtlichen RWE-Zentrale unweit von Völkersen. Zwei Arbeiter hantieren an einem Kettenfahrzeug. Eine dicke Abgaswolke quillt aus dem Auspuff, als der Hydraulikarm ein etwa ein Meter tiefes Loch in den Acker bohrt. Mit einer Sonde befördern sie Grundwasser nach oben. Sorgfältig wird die trübe Flüssigkeit in kleine Glasfläschchen abgefüllt und beschriftet. „Heute Nachmittag kommen die ins Labor, morgen wissen wir dann mehr“, sagt der Geologe.

Schon heute steht fest, dass in dutzenden Proben die Benzolkonzentration bis zu tausendfach über dem Grenzwert lag. An anderen Stellen waren die Proben sauber. „Wir werden das gesamte Leitungsnetz entfernen und die belastete Stellen von Benzol reinigen“, sagt Sven Burmester, Betriebsleiter von RWE in Niedersachsen. Das Unternehmen prüfe jetzt, Lagerstättenwasser so aufzubereiten, dass es einer Kläranlage zugeführt werden kann.

Hätte RWE die Gefahr kennen müssen? Die genaue Ursache für die Benzolleckagen ist bis heute unklar. RWE und das Landesamt vermuten aber, dass das Gift mit der Zeit durch die Wände der Rohre aus dem Kunststoff Polyethylen (PE-100) hindurchkriecht oder „diffundiert“. Die Leitungen wurden zwischen 1998 und 2001 verlegt. Damals sei man davon ausgegangen, dass sie für den Transport des Abwassers geeignet seien, argumentiert RWE. Die Festigkeit sei immer wieder überprüft worden.

GPM      GPM      In dieser Anlage im Trinkwasserschutzgebiet wird die Giftbrühe in die Erde gepumpt. Für den Verdener Stadtratsabgeordneten Carsten Hauschild,47, ein Skandal

Doch an dieser Darstellung bestehen erhebliche Zweifel. Anfragen bei mehreren Herstellern von Kunststoffrohren ergeben: Keiner kann sich vorstellen, dass Polyethylenrohre noch in den 90er-Jahren zu diesem Zweck verkauft wurden, weil damals schon bekannt gewesen sei, dass Benzol austreten könne. Im Jahr 1998 sei die Problematik „fast schon wissenschaftliches Allgemeingut“ gewesen, sagt Elmar Löckenhoff, Geschäftsführer des Fachverbands der Kunststoffrohrindustrie. Aus diesem Grund gebe es Rohre mit einem Aluminiummantel oder aus anderen Stoffen. „Die sind allerdings wesentlich teurer als PE-100.“ Viele Menschen im Landkreis haben den Verdacht, dass der Energieriese die Gefahr kannte, aber aus Kostengründen auf die Billigrohre setzte.

Und das Landesamt für Bergbau und Geologie (LBEG), das seinerzeit die Leitungen genehmigte? Die Behörde beruft sich auf ein TÜV-Gutachten, das damals die Rohre als sicher eingestuft habe. Obwohl es das Landesamt auf Anfrage nicht herausgeben wollte, liegt das Gutachten des TÜV Hannover/Sachsen Anhalt vom 20. März 1997 dem Greenpeace Magazin vor. Tatsächlich kam der TÜV darin zu dem Ergebnis, dass die Rohre für den Transport von Lagerstättenwasser geeignet seien. Es wurde zwar festgestellt, dass das Material stabil ist – Diffusion wurde allerdings nicht untersucht. Außerdem empfahl der TÜV weitere, mehrjährige Untersuchungen. Auf Seite fünf wurde handschriftlich vermerkt: „Keine Langzeiterfahrungen!“ Ob RWE die Rohre vor dem ersten Einsatz tatsächlich noch einmal über mehrere Jahre prüfte, bleibt unklar. Schon im folgenden Jahr wurden die ersten Leitungen verlegt.

RWE betont gegenüber dem Greenpeace Magazin, der schlimmste Fall sei ja glücklicherweise nicht eingetreten: eine Verseuchung des Trinkwassers. Tatsächlich sind alle Trinkwasserproben bisher negativ.

Doch bleibt das auch so? Das Lagerstättenwasser, das bis vor kurzem unter Renate Köthers Feld floss, wurde durch die unterirdische Leitung etwa zehn Kilometer weiter bis in die Nähe der Ortschaft Scharnhorst transportiert. Sie endet hinter einem hohen Zaun, hier befindet sich ein sogenannter Verpressungspunkt. Unter hohem Druck wird das giftige Lagerstättenwasser in rund 1000 Metern Tiefe wieder in die Erde gepumpt. Vor dem Zaun steht Carsten Hauschild. Seit September 2011 sitzt der 47-Jährige als Mitglied der SPD-Fraktion im Verdener Stadtrat. Mit weit ausgestrecktem Arm beschreibt er einen großen Bogen. „Das ganze Areal ist ein Trinkwasserschutzgebiet, und ausgerechnet hier wird die Benzolbrühe verpresst“, sagt er fassungslos.

Nach eigenen Angaben pumpte RWE hier noch bis vor kurzem täglich 120.000 Liter Lagerstättenwasser in die Erde – über Jahre. Inzwischen habe man wegen der Sorge der Anwohner um ihr Trinkwasser die Menge reduziert. Doch Millionen Liter des krebserregenden Abwassers schlummern bereits in der Tiefe – und dass es dort für alle Ewigkeit bleibt, kann niemand garantieren. RWE verweist zwar auf massive wasserdichte Erdschichten, die das Gift abschirmen. Trinkwasser werde nur in einer Tiefe von bis zu 300 Metern gefördert. Der Geologe Thomas Siepelmeyer hält es aber theoretisch für möglich, dass das Gift aus den Tiefen wieder nach oben und damit in die Nähe des Trinkwassers wandert. „Entscheidend dabei ist der Faktor Zeit, wir sprechen hier von mehreren Jahrzehnten“, sagt der Experte, der im Februar als Sachverständiger zu den Folgen der Erdgasförderung im niedersächsischen Landtag sprach.

Unbehagen herrscht schon heute: In nur 500 Metern Entfernung betreibt der Trinkwasserverband Verden einen Brunnen. Rund 115.000 Menschen werdenvon dem Verband versorgt, mehr als die Hälfte des Wassers fließt in die Großstadt Bremen. „Die Verpressung von Lagerstättenwasser gehört nicht in ein Wasserschutzgebiet“, sagt Marcel Meggeneder. Der Geschäftsführer des Trinkwasserverbands fordert den sofortigen Stopp der Pumpen. Bislang ist der Super-GAU ausgeblieben.

Doch für die Betroffenen bleiben verseuchte Äcker und belastetes Grundwasser zurück – für RWE eine Sanierung, die einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag kosten wird. Der Bürgerprotest zeigt inzwischen in der Landeshauptstadt Hannover Wirkung: Die Regierung überlegt nun, schon für kleinere Bohrungen eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorzuschreiben.

Renate Köther ist sich sicher, dass die Gaskonzerne auf Dauer nicht so weitermachen können wie bisher. „Bei der Atomkraft hat es auch zwei Generationen gedauert, bis die Politik beschlossen hat: Schluss“, sagt sie. Verden ist zwar nicht Gorleben, aber es tut sich was.


Greenpeace Magazin 3.12
© 2012 Greenpeace Magazin
Vienen Dank an Hr. Stukenberg, der es uns freundlicher weise erlaubt hat, diesen Artikel hier einzustellen.

Wichtig!

Schlichtungsstelle

Die niedersächsische Schlichtungsstelle Bergschaden mit Sitz in Rotenburg/Wümme ist im Amt.

Anmerkungen und Kritik zur Studie

Nachhaltiger Umgang mit Lagerstättenwasser aus der Erdgasförderung der RWE Dea AG in Niedersachsen

Gerd Landzettel – im August 2014

Eine Geschichte darüber, wie meine Vorstellung vom „sauberen Energieträger Erdgas“ von der Realität eingeholt wurde.

Newsletter bestellen

Immer auf dem laufenden bleiben und über wichtige Ereignisse und Events informiert werden.